Interview mit einem Cop

"Here you can live - for a diverse city"

“Here you can live – for a diverse city”

Kürzlich wurde ich festgenommen. Im Zellenwagen habe ich mich zwar leichtsinnig mit einem Polizisten unterhalten, aber wenigstens ist daraus ein druckreifes Interview entstanden.

Anfangs höre ich nur zu, wie er mit seiner Kollegin mitleidsvoll über meinen Mitgefangenen redet. Der hat nämlich gleich mehrere Anzeigen bekommen, weil er sich gewehrt hat.
„Völlig unnötig!“, befindet der Cop. „Müssen wir jetzt alles aufnehmen,“ stöhnt die Kollegin.

Der Cop öffnet die Tür der Zelle, in der mein Genosse sitzt:
„Haben Sie eigentlich Alkohol getrunken? Wollen sie vielleicht mal pusten?“
Keine Antwort.
„Sind sie Moslem?“
Erst recht keine Antwort.
Die wasserstoffblonde Kollegin und ich schütteln den Kopf und rufen fast einstimmig:
„Das ist doch kein Kriterium.“
„Ach echt, ich dachte Muslime dürfen keinen Alkohol trinken.“
Die Kollegin weiß aber:
„Naja in geschlossenen Räumen ist irgendwie ne Ausnahme hab ich gehört.“

Ich verkneife mir die Frage, ob die zwei aus Ostdeutschland kommen. Am Akzent kann ichs nicht festmachen, aber an dem Unwissenheitsrassismus. Waren die noch nie in ner Shisha-Bar?

Ich werde neugierig:
„Naja, Sie gehören ja vielleicht auch irgendeiner Religion an, wahrscheinlich kennen sie die Regeln auch nicht alle.“
„Ja ich bin evangelisch, aber nicht gläubig.“
„Die sollen ganz schön streng sein, die Protestanten.“
„Ja schon. Die Katholiken aber auch.“

Wieder geht der Cop zu meinem Genossen:
„Wissen Sie, wenn Sie Alkohol im Blut haben, könnte das ihre Strafe verringern. Deswegen frage ich.“
„Was ist das für ein System? Wenn ich besoffen bin und Leute schlage kriege ich weniger Strafe?“
„Haben Sie jetzt getrunken oder nicht?“
„Ich brauch sowas nicht.“

Zerknirscht kehrt der Cop zurück.
„Und dann uns noch als Sklaven des Staats zu bezeichnen. Wir sind auch Menschen, wir haben auch Familie.“
Er schaut mich extra an.
„Ja, so ist das nämlich.“
Ich nicke verständnisvoll.

Vielleicht komme ich mit Frantz Fanon weiter? Der war ja nicht nur Revoluzzer, sondern ausgebildeter Psychiater. Zu seinen Patienten gehörten auch französische Gendarmen in Algerien.

„Aber der Beruf wirkt ja auch auf die Persönlichkeit. Ich hab mal gelesen von Gendarmen in französischen Kolonien. Die mussten ja auch Leute foltern. Und viele haben dann auch angefangen ihre Frauen und Kinder zu foltern.“
„Ja klar, kann ich verstehen.“
„Waren bestimmt sonst ganz nette Leute.“
„Ja aber Sie glauben ja nicht, dass heute noch in Deutschland gefoltert wird. Das gabs mal, das wissen Sie ja auch. Aber heute sind die Leute ja viel besser informiert. Damals konnten Sie einfach die Gedanken der Leute kontrollieren. Heute gibt’s ja Internet.“
„Ich glaub mit Fehlinformation hatte das nichts zu tun. Die wussten bestimmt schon, was sie da tun. In harten Zeiten wird die Polizei auch härter. Kennen Sie vielleicht. Wenn die öffentlichen Leistungen gekürzt werden, haben Sie auf einmal mehr zu tun.“
„Ja, in Frankreich kommt mir die Polizei auch viel härter vor, oder in den USA. Bei uns würde das gar nicht gehen, was die da machen.“
„Naja, es gibt halt mehr Mittel um an Leute ranzukommen als nur mit dem Knüppel. Hier ist ja alles registriert.“
„Wir haben wirklich einen großen Verwaltungsapparat… Aber ich studiere ja bald Medizin.“

Ich bin beeindruckt.
„Wow, wieso das?“
„Meine Frau ist Ärztin, ich bin Vater geworden. Jetzt mit Mitte 20 habe ich noch die Gelegenheit.“
„Ich dachte Polizei ist ein Beruf fürs Leben?“
„Ach nee, ich wollte einfach was mit Sport machen. Hab es auch mal beim SEK versucht, aber da muss man echt wie eine Maschine sein. Außerdem würde ich Teilzeit weiterarbeiten.“
„Sind die Polizisten bei den Demos nicht auch Sondereinheiten?“
„Nein, das sind ganz normale Streifenpolizisten. Bereitschaftsdienste muss jeder mal machen. Tagsüber sind wir ganz normal unterwegs, bei häuslicher Gewalt und so.“
„Warum gehen Sie nicht zum Bund? Die zahlen doch das Medizinstudium.“
„Also das ist ja gar nichts für mich, dieser ganze Drill. Ich hab mich damals ausmustern lassen wegen Kreuzbandriss. Außerdem muss man sich dann für 16 Jahre verpflichten.“
„Au ja, ich hatte einen Onkel, der war Feldchirurg. Der musste mit der Säge im Zelt… Gar nicht schön.“
„Schlimm.“
„Aber im Krankenhaus ist ja auch der Teufel los. Besonders in den Privaten. Ich kenne einen Arzt. Viel vom Leben hat der nicht.“
„Da muss man halt vier Jahre durch, dann kann man auch ne Praxis aufmachen. Ich will vielleicht was mit Osteopathie machen. Also ganzheitlich, nicht reihenweise OPs verkaufen. Ich will den Leuten ja auch helfen.“
„Ja bei Vivantes und Helios arbeiten die schon sehr vertriebsorientiert.“
„Bei den Kirchlichen ist es etwas besser.“
Ein anderer Polizist läuft am Wagen vorbei: „Ihr versteht euch ja super hier.“
Ist wohl eine freundliche Warnung an den gesprächigen Kollegen.

Wir quatschen trotzdem weiter:
„Berlin muss ja auch anstrengend sein.“
„Ja im Vergleich zu München und Hamburg bekommen wir weniger Geld, unsere Ausrüstung ist alt und wir sind unterbesetzt.“
„Es wandern bestimmt viele ab?“
„Ja, aber die hohe Einsatzdichte ist für viele Junge auch interessant, weil Sie so mehr lernen für die Laufbahn. Hier ist ja fast jeden Tag ne Demo. Außerdem ist die Berliner Polizei sehr gefragt in anderen Bundesländern, eben wegen unserer Erfahrung.“
„Stimmt, ich sehe oft Berliner Polizei…“
„Was machen Sie eigentlich so beruflich? Studieren?“
„Nee schon fertig.“
„Was denn?“
„BWL.“
„Irgendeine Spezialisierung?“
„Nee, einfach nur nen Bürojob.“
„Und, sind Sie zufrieden?“
„Kann nicht klagen.“

Ich will natürlich nichts verraten, aber um das Gespräch laufen zu lassen, muss ich auch irgendwas erzählen, antworte also ausweichend, einsilbig. Wir quatschen noch über das Gesundheitssystem, Soldstufen und so fort. Dann muss er mich noch pro Forma abklopfen.

OMG, gegen diesen Typen bin ich ja voll der Loser! Er sorgt sich um die Zukunft seiner Familie, will Leuten die Knochen wieder heile machen, ist gegen Krankenhausprivatisierung, versucht Repressionsfolgen zu mildern, Siezt die Festgenommenen und ist sogar zugänglich für die Idee, dass Deutschland nicht der Orgasmus der Zivilisation ist. In dieser Uniform steckt nicht ein Arbeiter, sondern zwei oder drei.

Leider ist so ein Helfertyp einfach falsch bei der Polizei. Seine Männerwitz-Kollegen latschen die ganze Zeit breitbeinig vor den Wannen herum und rufen mir bei Gelegenheit Gemeinheiten zu. Glücklicherweise bin ich schnell raus und mein Gesprächspartner hoffentlich auch bald. Ist ja auch nur ein Mensch.

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