Nicht Zuschauen beim Zuschlagen

Polizei nimmt „ausländisch aussehenden“ Spaziergänger fest, Einsatzleiter raubt Zeugen das Handy, löscht Beweismaterial, verbirgt Dienstnummer und lügt bei Nachfrage

Berlin-Neukölln, Ecke Naumburger Str./Lahnstr. 18.15 Uhr. Ich fahre mit einem Kollegen in seinem Auto von der Arbeit heim, Material abladen. Auf der Lahnstraße in Richtung Karl-Marx-Straße, auf Höhe der einmündenden Naumburger Straße, rennt auf dem Bürgersteig ein Polizist in Einsatzmontur an uns vorbei – groß, blauäugig, blonde Haare zur Glatze rasiert, Nickelbrille. Ich werde ihm später wieder begegnen.

Der blonde Hüne hält einen „ausländisch aussehenden“ jungen Mann fest, der friedlich auf dem Bürgersteig spaziert. Mein Kollege und ich parken auf der gegenüberliegenden Seite der Lahnstraße, knappe 100 Meter entfernt, und entladen einige Kisten. Wir sehen, wie der Mann sich vor zwei Polizisten umdrehen muss, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Er leistet keinen Widerstand und scheint eher überrumpelt als aufgeregt. Wir beschließen erstmal nur zu beobachten.

Als wir unsere Kisten auf einem Klapptisch auf dem südlichen Bürgersteig der Lahnstraße entlang tragen, hat bereits ein Einsatzwagen mit der Nummer 13 und dem Kennzeichen B-31115 auf unserer Seite geparkt. Der Verhaftete wird von mehreren Polizisten über die Lahnstraße in den Einsatzwagen geführt, der in Fahrtrichtung hinter der Kreuzung Naumburger Str./Lahnstr. steht. Wir laufen direkt daran vorbei und stellen unseren beladenen Klapptisch vor der Ampel über die Naumburger Straße ab.

Der Verhaftete, von unbedrohlicher Statur, ist mit mehreren breitschultrigen Beamten im Einsatzwagen verschwunden. Mein Kollege und ich wundern uns, warum für die Verhaftung eines einzelnen Fußgängers ein ganzer Einsatzwagen anrollt. Es hätten ihn auch zwei reguläre Streifenpolizisten freundlich um seine Personalien bitten können.

Ich zücke mein Smartphone und filme die Szene. In letzter Zeit weißt du ja nicht mehr, was von der Polizei zu halten ist – mal rennen betrunkene Beamte nach Feierabend rum und verprügeln „Schwarzafrikaner“, wenn sie sie nicht gleich anzünden, oder sie verhaften Rentnerinnen.

Besonders gegen „Ausländer_innen“ gehen die Polizisten gerne gewalttätig vor – vielleicht ein Grund, warum in den Einsatzkommandos fast nur „reinrassige“ Deutsche zu finden sind. Wer will schon einen Job, bei dem du irgendwann die eigene Oma verprügeln musst?

Als wehrhafter Demokrat sehe ich mich in der Pflicht, das Vorgehen der Polizei zu dokumentieren. Bis auf die Fahrerin sind alle Polizisten im Einsatzwagen, durch die halboffenen Gardinen sehe ich fast nichts und ich wahre mindestens 2 Meter „Respektsabstand“, um ja keine Zuckungen bei meinen schwerbewaffneten Landsleuten hervorzurufen.

Die Fahrerin, eine junge Frau, ca. 165 cm, mit rotbraun-getöntem Haar, zum Pferdeschwanz gebunden, fragt mich, was das soll. Ich lasse meine Kamera weiterlaufen. Ich sage ihr, dass ich nur zusehen will, ob der Verhaftete freundlich behandelt wird. „Immer doch, wir sind ja die Polizei,“ antwortet sie. Ihr offener Sarkasmus verrät, dass sie schon viel gesehen hat.

Mein Kollege und ich filmen die Szene etwa zehn Minuten lang. Nachdem die Fahrerin etwas in den Transportraum ruft, ziehen die Kollegen die Gardinen zu. Demonstrativ steckt ein Schlagstock hinter dem Seitenfenster. Später wird uns gesagt, unser Blick müsse „zum Schutz des Verhafteten“ behindert werden.

Es ist klar, dass die Beamten sich selbst schützen wollen. Wer bittet schon darum, die Gardinen zuzuziehen, wenn er_sie mit mehreren Bewaffneten eingesperrt ist? Das ist, wie darum zu bitten, „zur eigenen Sicherheit“ im Gestapo-Keller zu verschwinden. Wenn ich bei Verhaftungen darum gebeten habe, die Gardinen nicht zuzuziehen, wurde ich bislang ausgelacht.

Viele Passant_innen huschen eingeschüchtert am Einsatzwagen vorbei. Zwei „harte Jungs“ geben uns Zuspruch und fluchen auf die Polizei, gehen aber schnell weiter. Einige Männer mit bloßem Oberkörper schauen uns gespannt aus dem dritten Stock eines Hauses von der gegenüberliegenden Straßenseite zu, machen aber keinen Mucks.

Ich verstehe nicht, warum die gesamte Bevölkerung so angsterfüllt scheint, es sind doch bloß unsere freundlichen Ganovenschrecke aus Film und Fernsehen. Ja gut, sie sind gepanzert und bewaffnet, aber solange wir keine Handtaschen klauen, sind sie doch auf unserer Seite?

Denkste! Gegen 18.30 sehe ich auf der diagonal gegenüberliegenden Straßenecke vier Polizisten breitbeinig stehen, einer hat sein Handy gezückt und fotografiert uns grinsend. Ich filme zurück, obwohl man auf 50 Meter Entfernung nicht viel erkennt. Dann filme ich weiter den abgeriegelten Einsatzwagen von der Seite.

Plötzlich stehen die vier hinter uns: „Was soll das? Hör sofort auf“, brüllt der Glatzkopf mit der Nickelbrille, der vorhin den Fußgänger gejagt hatte. „Warum? Ich schaue nur zu, dass niemandem etwas passiert…“ Schon hat er mir mit Gewalt das Handy entrissen. Jetzt werde ich auch laut, halte aber einen Sicherheitsabstand, weil ich nicht mit der Stirn auf dem Bordstein landen will.

Ich bezichtige ihn des Diebstahls. Er faselt einen Paragraphen herbei, irgendwas von Urheberrecht am eigenen Bild und künstlerischer Freiheit. Ich mache aber keine Kunst, ich filme, wie Sondereinsatzkommandos Berliner Spaziergänger verhaften – und Zuschauern die Handys klauen. Dann behauptet er, eine Kamera sei “genauso wie ein Messer.”

Der Räuber, den ich aufgrund seiner Rädelsfüherschaft für den Einsatzleiter halte, schreit uns einige Minuten an. Seine drei Schergen stehen um uns im Halbkreis und streifen langsam ihre Lederhandschuhe über, um uns einzuschüchtern. Der Boss, der immer noch mein Handy hält, droht mir an, meine „Personalien festzustellen“, wenn ich nicht sofort verschwinde. Ich hole meinen Personalausweis heraus und sage, dass ich mir von ein paar „Idioten“ nicht verbieten lasse, Straftaten zu filmen.

Sofort entreißt er mir den Ausweis und stapft damit zur Fahrerkabine, vorgeblich um meine Personalien zu prüfen. Mein Handy, dass er die ganze Zeit ohne mich zu fragen durchsucht hat, nimmt er einfach mit. Seine drei Kollegen, Nummer 95387, Nummer 43290 und Nummer 59981, stehen immer noch zugriffsbereit um uns beide herum, bis ihr Chef zurückkehrt. Solange führen wir eine typisch sinnlose Debatte mit diesen lizenzierten Wegelagerern.

Als der Chef zurückkehrt, ist er vom Räuber zum Vandalen aufgestiegen. Er stellt sich großkotzig zwischen seine Komplizen und bietet mir an, „mal allein, ganz tief entspannt“ mit ihm um die Ecke zu gehen. Obwohl er ganz gut gebaut ist, antworte ich, dass ich lieber bei meinem einzigen potentiellen Zeugen bleiben würde – ich vermute, dass er nicht besonders zärtlich ist. „Gut, dann bleib ich halt auch bei meinen Zeugen, mal sehen welche Seite später die stärkere ist.“ Der arrogante Seitenhieb zeigt: er weiß, er kann sich blind auf Mama Justizia verlassen.

Der Hooligan verkündet, er habe mein Handy einer „Grobsichtung“ unterzogen, was im Rahmen des Gesetzes „vollkommen zulässig“ sei. Dabei habe er mein mühsam angefertigtes Video, das zufällig auch seinen Angriff enthielt, gelöscht. Ich stelle fest: „Sie haben Beweismaterial gelöscht.“ Er antwortet dreist: „Genau.“ Dann sagt er, er werde meine „Straftat“ nicht weiter verfolgen, müsse aber meine Personalien aufnehmen, um eine „Beleidigung“ zu melden.

Jetzt verstehe ich, warum er „unter vier Augen“ mit mir sprechen wollte – damit seine Untergebenen nicht mitbekommen, dass er mein Beweismaterial vernichtet hat. Man könnte ja tuscheln in der Umkleidekabine. Wahrscheinlich wollte er mir anbieten meine „Beamtenbeleidigung“ zu überhören, wenn ich mich vom Acker mache. Mein Kollege hat die Geistesgegenwart, die Unterhaltung mit dem Handy aufzuzeichnen.

Bevor der Chef zurück zur Fahrerkabine geht, um die „Beleidigung“ zu melden, händigt er mir demonstrativ mein Handy aus und verbietet mir, weiter zu filmen. Ich stecke es sicherheitshalber ein, solange wir noch umzingelt sind. Währenddessen schreibe ich mir auf einem Notizblock die Dienstnummern der drei Kumpane auf. Der mittlere, mit der Nummer 59981, verdeckt sie hinter verschränkten Armen und zeigt sie erst nach mehrmaliger Aufforderung.

Dann beordert uns der Chef nochmal zur Fahrerkabine. Ich will seine Nummer aufschreiben, aber er hat sie von der Uniform entfernt. Ich fordere ihn eindringlich auf, mir seine Nummer zu nennen. Er nennt mir die Nummer „081500“ – da „0815“ sich sehr dadaistisch anhört, frage ich seine drei Kollegen ob die Nummer stimmt – zwei sagen mir „ja“, der dritte behauptet, die Nummer nicht zu kennen. Sie wirken angespannt, als würden sie ihren Chef bei einer Straftat decken.

Schnell führen die Beamten im Inneren des Wagen den Verhafteten aus dem Wagen, die anderen steigen eilig ein. Sie sind wegen uns schon länger hier als sie möchten, obwohl mir einer ganz entspannt versichert, „wir werden für unsere Zeit bezahlt – ihr etwa nicht?“ Ich filme noch den abfahrenden Einsatzwagen, um wenigstens das Gesicht des Einsatzleiters zu erwischen, der als Beifahrer neben der jungen Kollegin sitzt.

Der Entlassene erzählt uns, er sei verhaftet worden, weil irgendwer gemeldet habe, dass irgendwo eine Frau geschlagen wurde. Außerdem musste er sich im Wagen nackt ausziehen, was wohl lediglich der Befriedigung seiner Peiniger diente. Er erwähnt auch, dass ein weißblonder, dicklicher Polizist, der erst kurz vor Abfahrt mit hochrotem Kopf aus dem Wagen hervorstolperte, ihn im Wagen geschlagen habe.

Dabei ist er offensichtlich unschuldig – andernfalls wäre er ja nicht sofort wieder entlassen worden. Leider konnten wir seine Misshandlung nicht filmen und er scheint kein Interesse daran haben, weiter gegen die Polizei vorzugehen.

Da der Verhaftete nur gebrochenes Deutsch spricht, müssen wir auch annehmen, dass seine Festnahme einer „internen Grenzkontrolle“ diente. Die Polizei verhaftet razzienartig „verdächtig aussehende“ Menschen unter Vorwand, in der Hoffnung bei ihnen ungültige oder gar keine Papiere zu finden. „Verbrechensbekämpfung“ ist nur ein grüner Deckmantel für tiefbraune Lebensraumpolitik.

Wie mein Kollege und ich sehen konnten, hatte sich der Mann nicht gegen die Festnahme gewehrt, sondern war ruhig allen Befehlen gefolgt. Es war also sehr angemessen, diesen Einsatz zu filmen. Leider sah das der diensthabende Einsatzleiter anders und nahm – wie gewohnt – das Recht in die eigene, ledergepanzerte Faust.

Wir werden versuchen, rechtliche Konsequenzen für diesen staatlich geprüften Verbrecher durchzusetzen, aber wie wir leider aus Erfahrung wissen, ist die rechtsradikale Gewalt von Polizist_innen diejenige mit der geringsten Aufklärungsquote.

Hier nochmal die wichtigsten Daten:

Wann: 15.9.2014, 18.15 – 18.45

Wo: Ecke Naumburgerstr./Lahnstr., Berlin-Neukölln

Kennzeichen des Einsatzwagens: B-31115

Einheitsnummer: 13

Reale Dienstnummern: 94387, 43290, 59981

Angebliche Dienstnummer des Einsatzleiters: 081500

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2 responses to “Nicht Zuschauen beim Zuschlagen”

  1. fritzletsch says :

    Reblogged this on Psychiatrie-Politik and commented:
    Die Angst aus allen Kanonen wird gesteigert …

  2. Sebastian Ziegler says :

    hey, das video ist nicht wirklich gelöscht, sondern wurde nur zum überschreiben freigegeben. mit geeigneten tools (recuva, selbst googeln) kann es mit etwas glück gerettet werden.

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