Beim lieben Querrgott! Queers sind Mutant_innen, daher heiratsfähig

Die Marienkirche ist voll bürgerlicher, weißer Deutscher zum Sonntagsabendgottesdienst. Nicht zu viel Make-Up, Nickel- oder Hornbrille statt Gucci mit Strass. Die leibhaftige Diversität der Mittelschicht von Berlin-Mitte. In dieser ehemals katholischen, heute evangelischen Kirche predigt heute eine Nonne, dass auch die homosexuelle Ehe ein Sakrament sein kann – sofern sie auf Liebe und Treue basiert, denn Sex oder Ehe mit Menschen (oder Gespenstern) hat ja nie “utilitaristische” (oder psychopathologische) Gründe. Wenn doch, dann theologisieren wir halt das Materielle.
Zölibat und “Jungfernzwinger” an sich sind doch bereits queere Lifestyles. Ein Spaziergang durch Rom zeigt auch, dass mit Zunahme anderer Existenzgrundlagen immer weniger europäische Frauen die Ehe mit Gott suchen. Ihre “heilige” Mission erfüllen jetzt “Nebenfrauen” aus ehemaligen Kolonien (die Gott natürlich genauso lieb hat).
Im Roten Rathaus gegenüber der Marienkirche regiert ein Sozialdemokrat, der sich beliebt machte, weil er sein Privatleben nicht vor versammelter Kongregation ausbreiten wollte. Selbst die CDU unterstützt heute die “Homo-Ehe”. Der kirchliche Segen für “andersartige” Sexualitäten ist so revolutionär wie der kirchliche Segen für die Revolution und daher so gar kein Grund zum Feiern. Warum sollten queere Menschen ihre Akzeptanz vermittels einer Nonne vor den Gutmenschen erflehen lassen? Das ist wie wenn die Kirche zur Toleranz gegen “Andersgläubige” aufruft.
Wowi bewies mehr Selbstachtung, als er “irritierten” Genoss_innen riet, sich aufs Tagesgeschäft zu konzentrieren. Die realen Verhältnisse brauchen nicht die Beglaubigung der Mullahs und Pfaffen um real zu sein, aber die materielle Verbesserung des Lebensstandards raubt der Kirche die Schäfchen, konkurriert also mit ihrem Fetisch des elenden Elends als Ware.
Selbst die DDR, die 70 Prozent der Ostbürger_innen zu “Ungläubigen” gemacht hat, weil sie den Kirchen die finanzielle Basis, somit die gesellschaftliche Relevanz entzog, war verhältnismäßig schon weiter in der Akzeptanz von Sexualität als Freizeitgestaltung, als sie 1988 die “Unzucht zwischen Männern” entkriminalisierte – sechs Jahre vor der BRD. Auch wenn Sexualität im Realsozialismus ein Politikum war, so war sie nie Sakrament. Und seit Marx nicht mehr rumspukt, tuts die Religion fleißiger denn je.
Während die Schwester in ihrer Predigt gegen die Diktatur kapitalistischer Genderideale wettert, trieft von den Wandgemälden 2014 Jahre unterdrückte Erotik und realchristliche Körpernormativität: Der keusche Feminismus schwerttragender Jungfern, das ästhetische Leiden der zwangsarisierten Jesusfamilie. Und jede_r kann Mitleiden, ob arm oder reich. Wir sind alle mal verzweifelt; ob es daran liegt, dass unser Handtaschenterrier gerade an einer Lachsgräte erstickt ist oder weil unser Haus im Auftrag der NATO weggebombt wurde ist doch egal, was zählt ist das persönliche Empfinden.
Vor der Hauptpredigt säuselt ein junges Mädchen von “göttlicher Freiheit” und dass Gott mit uns wäre. Dieses Gerede erinnert an die “unsichtbare Hand” und Freiheit im kapitalistischen Sinne – die Freiheit Tempel zu errichten, während Menschen in Zelten überwintern. Gut, Freiheit ist halt ein Blähbegriff, wie Liebe, aber je mehr das Bühnenprogramm die Bildungsbürger_innen beruhigt, umso mehr macht es mich wütend: Mal offenbart Gott seine “Herrlichkeit”, mal prophezeit Petrus das Ende aller Widersprüche, dann singen wir, dass “alle Völker den Herrn” loben. Der “Herr”, oder “Khan”, oder “Lord” ist per Definition ein männlicher Grundbesitzer. Wenn die Völker den Big Baba lieben, dann gehorchen sie auch den kleinen Paschas.
Im Lateinischen Liedtext heißt der Herr “Dominator”. Wenn er dich quält, dann ist es nur weil er dich liebt. Dieser Sadomasochismus schon lange Teil der queeren Theologie der “Closet Wankers”. Ist es vielleicht nur ein Vorurteil, dass die Kuttenträger_innen der Alltagspraxis bloß fingerwinkend hinterherrennen? Die Religion ist der weltlichen Gesetzgebung immerhin schon so weit voraus, dass ihre sexualisierte Untertänigkeit kein gegenseitiges Einverständnis erfordert und auch schon Kinder miteinbezieht.
Dass der von göttlicher Liebe ergriffene Mensch auch wirklich alles schönreden kann zeigt die Bibelpassage für die Hauptpredigt, die Sadduzäerfrage. Die Sadduzäer, das kolonisierte Besitzbürgertum Israels, fragen Jesus, ob es eine Auferstehung gebe und nehmen als Beispiel einen Fall, in dem eine Frau sieben der Reihe nach ablebende Bürder heiraten muss. Jesus soll sagen, mit welchem Bruder sie nach der Auferstehung verheiratet sein werde.
Anstatt zu antworten, dass es sexistische Kackscheiße ist, wenn eine Frau gezwungen ist, sieben Typen aus derselben Sippe der Reihe nach ihren Körper zu unterwerfen, sagt Jesus in etwa, dass nach der Auferstehung alle Seelen gleich sind, somit weder “männliche” noch “weibliche” Seelen existieren.
Die Predigerin greift diese Nebenbemerkung auf, um zu beweisen, dass Gott die Ehe nicht nur für Männer und Frauen intendiert habe und erzählt weiter von seltenen Chromosommutationen, die “dritte Geschlechter” entstehen lassen können. Queers sind also eigentlich ganz behinderte Normalos, unchristliche Sexualität ist ein Genfehler, somit wissenschaftlich und daher außerhalb der religiösen Moralgerichtsbarkeit. Der Religion ist unerklärlich, dass es Leben gibt, das keiner Apologetik bedarf. Den Lustfähigen ist unerklärlich, wozu es Religion braucht.
Wahrscheinlich wäre die theoretische Frau der Sadduzäer schon nach der ersten Ehe emotional derart abgestumpft, dass sie nur die Wahl hätte, Gott und seine ganze Gefolgschaft zu verfluchen oder Teil der Maschine zu werden. Und so wie Frauen durch Angst vor Gewalt oder Angst vor Ungeliebtheit zu Verteidigerinnen des Patriarchats werden, so können auch die Gemahlinnen des herrlichen Herrgotts zu seinen gestutzten Tempelgänsen werden – sympatischer als der Hohepriester, aber flugunfähig und eintönig.
Zwischen den flehentlichen Apellen um mehr Menschlichkeit, den weinerlichen Hipster-Kantaten und der Betonung der “Vielfältigkeit” Gottes, lauert die deutschnationale Einfalt. Sehe ich diese BRD-Kader im GottCenter um Erlösung flehen, denke ich fast, sie leiden noch mehr als die Opfer ihrer weltweiten Exportmeisterschaft.
Den Zynismus toppt die junge Abschlusspredigerin, als sie uns ermahnt, nicht zu “Komplizen der bestehenden Strukturen zu werden”. Der Kapitalismus ist keine Konfession, die man einfach ablegt. Der kirchliche Widerstand unterwanderte vielleicht die Konsumfeindlichkeit des Realsozialismus, aber im Großdeutschland der Theokraten Merkel und Gauck ist die religiöse Liebesbotschaft so systemkritisch wie die Staatsfeindlichkeit der Börsengurus oder die kritische Kritik chauvinistischer Bundesbanker.

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  1. Nach HoGeSa jetzt MuFüSchla? | Good Noose - November 12, 2014

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